Johannes Weigel

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Johannes Weigel

poetry slam - Fr 11. Mai 2007

 

Igeldiät

Dunkle Tannen. Grüne Wiesen im Sonnenschein. Warum ist Heidi eigentlich so dick, wenn sie doch den nur herumspringt und Energie verbraucht? Ich sitze den ganzen Tag zuhause und sehe auch schon bald aus wie Heidi. Wahrscheinlich ist das einzige, was sich bei dieser Bergwanderung ergibt, dass ich auch noch ihren bescheuerten Gesichtsausdruck annehme. Oh, Mann, Reinhard!

12 Kilo hat er gesagt, mehr sollte man nicht mitnehmen! Das hatte ich schon mit Klamotten und ein paar Waschsachen zusammen. Naja, Reinhard hat jetzt halt das Zelt, die Isomatten, Schlafsäcke, den Kocher, das Geschirr, einen Klappspaten und Feldflaschen. Lebensmittel brauchen wir nicht, das finden wir alles auf dem Weg. Kann man alles pflücken, ausgraben oder erschlagen, sagt Reinhard. Und wenn nicht, umso besser, schließlich wollen wir ja nicht zunehmen bei unserer Tour. Das war mir als Konzept doch ein bisschen zu dünn, und so habe ich schließlich ein paar Kleider herausgenommen und stattdessen Nudeln, Fertigsoßen und zwei Flaschen Wein eingepackt. Außerdem noch Wechselklamotten für Reinhard, immerhin sollte ich mit ihm das Zelt teilen. 14 Tage ohne Wechselsachen, kein Wunder, dass der Kerl alleine lebt! Da wäre ich ja selbst zuhause ausgezogen, wenn ich seine Mutter wäre!

"Probier mal, Susanne, wilder Thymian!"

"Mensch, dann brauchen wir nur noch Wasser und dann haben wir ja schon alles für eine leckere Thymiansuppe zusammen!" Dazu einen Hasenbraten, oder alternativ Spaghetti mit Tomatensoße, die müssten wir nicht vorher noch erschlagen!

"Wasser haben wir noch, und Salz habe ich auch dabei. Schau!" Reinhard zog einen weißen Klumpen aus der Innentasche seiner Jacke und leckte daran. "Bester Leckstein, davon hab' ich noch 10 Kilo im Schuppen. Das reicht für's ganze Leben, und wird ja auch nicht schlecht! Probier mal!"

"Na, du hast ja wirklich an alles gedacht, Reinhard!" Ich freute mich schon auf meine Tütensuppe heute abend.

Als wir am Abend schließlich an einem klaren Bergsee unser Lager aufschlugen, waren die Seitentaschen von Reinhards Rucksack mit einer Menge essbarer Dinge gefüllt, von denen ich allerdings die meisten entweder nicht kannte oder bisher für nicht genießbar gehalten hatte. Zur ersten Kategorie zählten einige Kräuter wie Gundermann und Pimpernelle, zu letzterer unter anderem junge Blätter vom Giersch sowie Bucheckern. An Schnüren und Leinensäcken baumelten weiterhin büschelweise Minze, Sauerampfer und etliche Pilze von seinem Rucksack. Das hätte ich mir ja auch alles eingehen lassen, vielleicht als Pilzragout mit Kräutersalat, hätte da nicht inmitten der ganzen veganen Beilagen noch diese stachelige Hauptkomponente gelegen.

"Du hast den Igel tatsächlich mitgenommen! Du hast doch nicht vor, den zu essen, oder?"

"Was dachtest du denn? Ihn auszustopfen?"

"Naja, vielleicht um ihn zu beerdigen?"

"Bin ich ein Eichhörnchen, dass ich unser Abendessen vergrabe? So ein Igel ist früher eine Delikatesse gewesen, in Lehm ausgebacken. Als meine Großmutter auf der Flucht war, war das ein Festmahl, da wurde die ganze Familie von satt! Sie hat mir auch das Rezept erzählt!"

"Ich ess das nicht! Wer weiß, woran der gestorben ist?"

"Der hatte einen Verkehrsunfall. Aber zum Glück hat es ihn nur so seitlich erwischt, und der Fahrer hat sogar angehalten und ihn an den Straßenrand gelegt!"

"OK, Sherlock Holmes, ich esse sowas aber trotzdem nicht. Die haben doch Flöhe und Zecken und was weiß ich! Ich mach mir eine Suppe!"

"Die Flöhe bleiben alle zusammen mit den Stacheln im Teig stecken, du wirst schon sehen. Du weißt ja nicht, was dir da für eine Leckerei entgeht!" Dann fing Reinhard an, mit dem Klappspaten ein Loch zu graben und lehmige Erde auf den Igel zu drücken, bis dieser nur noch ein klebriger runder Ball war. Ich sammelte derweil Reisig, Birkenrinde und trockene Äste, aus denen Reinhard anschließend ein Feuer aufschichtete. "Wenn wir eine Grube für das Feuer ausheben, können wir besser unsere Spuren verwischen!" Hugh!

Während Reinhard seinen Igel auf der entstandenen Glut mit einem Stock hin- und herschob, kochte ich mir eine Tomatensuppe mit Thymian. Ich bot Reinhard auch davon an, aber er wollte sich den Appetit auf den Igel nicht schmälern. Außerdem schmollte er wohl ein bisschen, als er meine Essensvorräte sah. Das war mir aber egal, schließlich wusste ich jetzt, warum ich sie mit hatte.

Als Reinhard nach fast drei Stunden endlich seinen inzwischen schwarzen Lehmball aus der Glut nahm, hatte ich bereits einen Topf Tomatensuppe geleert, abgespült und im gleichen Gefäß einen frischen Pfefferminztee aufgesetzt, wovon er sich am Ende dann auch eine Tasse genommen hatte. Nachdem der Tee in eine Thermoskanne abgefüllt war, hatte ich aus Langeweile in dem Topf noch ein Pilzragout zubereitet. Reinhard klopfte indessen zum elfunddreißigsten Mal mit seinem großen Klappmesser seinen komischen Igelball ab, bis er irgendwann der Ansicht war, er sei jetzt wohl durch. Da war ich aber mal gespannt. Erwartungsfroh begann er, mit dem Messer und einer Gabel den Lehmmantel aufzubrechen. Ich öffnete derweil einen Wein und füllte meine leere Teetasse damit auf. Welcher Wein passt zu Igel?

Tatsächlich waren die ganzen Stacheln im Lehm hängengeblieben, so dass am Ende nur ein faustgroßer Klumpen Igelbraten übrig war, allerdings genauso verkokelt wie die Kruste drum herum. "Igitt!" murmelte ich, aber Reinhard ließ sich nicht stören. Fröhlich drapierte er den Igelklumpen mit Pilzen und Kräutern auf seinem Teller und begann damit, das Tier auseinander zu schneiden. Etwas mulmig schien ihm dann schon zu werden, als er sah, dass er innen noch ganz rosig war. Ich gluckste ein bisschen, sagte aber nichts, sondern genehmigte mir stattdessen einen Schluck aus meiner Tasse. "Vielleicht hätte ich an das Bratenthermometer denken sollen!" entfuhr es mir, aber Reinhard meinte nur: "Der ist ganz köstlich, probier mal!" und begann, von allen Seiten Teile des Tierchens abzufitzeln. "Schön zart!" So aß Reinhard nach und nach tatsächlich das ganze possierliche Tierchen auf. Die Pilze hinterher, und schließlich sogar einen Becher Wein, ganz gegen seine Gewohnheit.

Auf einmal ging's dann los. Unvermittelt fasste er sich mit beiden Händen an den Hintern und rannte in den Wald. Weg war er. Ich wartete eine Viertelstunde, trank noch einen Schluck Wein und rief ein paar Mal seinen Namen, bis ich mich am Ende auf die Suche machte. Mittlererweile war es dunkel geworden, aber ich hatte eine kleine Dosenlaterne dabei, mit der ich mich auch in den Wald hineintraute. Schließlich fand ich ihn: Er hatte seine Hose komplett heruntergezogen, aber wohl zu spät für den urplötzlich angeschossenen Durchfall. Dann hatte er sich an einen Baum gelehnt, um sich zu übergeben, aber inzwischen kam nur noch ein heiseres Krächzen und ein paar Tröpfchen Galle und Magensäure. Er bot einen so elenden Anblick, wie er da auf halbnackt im Waldboden kniete, sich mit einem Arm an einem Baumstamm abstützte und mit der anderen Hand den Mund abwischte, dass ich erstmal die Laterne dimmen musste. "Mein Gott Reinhard, was ist denn mit dir los!"

"Lass mich sterben!" keuchte er und würgte weiter.

"Ach, Reinhard, mein Igelchen, trink erstmal einen Schluck Pfefferminztee, der ist gut für den Magen." Er sagte nichts, trank und kotzte weiter. Dann versuchte er mühsam, seine eingesauten Sachen anzuziehen, aber ich hielt ihn davon ab. "Jetzt zieh dich schon aus, die Sachen sind ja total vollgereihert!"

"Susanne, es ist mir so un ..." Wieder bekam er einen Würgeanfall.

Ich seufzte "Lauf nicht weg, mein Hase, ich hole mal eine Plastiktüte!"

Als ich wiederkam, kotzte er immer noch. "Hier, stopf deine Sachen in die Tüte. Dann nimm mal das hier!" Ich hatte ihm zwanzig Kohlekompretten in einem Glas aufgelöst. "Das entgiftet!" Er trank die schwarze Suppe und ergoss sie sogleich über sein Hemd.

"Du hast ja immer noch nicht alles ausgezogen!"

"Ich habe nicht einmal mehr Sachen zum Anziehen, Susanne!" Jetzt weinte er fast.

"Jetzt komm erstmal mit, mein Stachelschweinchen!" Ich hakte den nackten Reinhard unter und ging mit ihm zurück zum See. "Du nimmst erstmal ein Bad, und ich lege dir frische Sachen hin. Wenn sich der Magen dann beruhigt hat, gibt's eine Brühe, wenn nicht, nochmal Kohlekompretten!"

Im Schein der Dosenlaterne sah ich Reinhards Augen glänzen. Etwas lag darinnen, das vorher nicht da war. Wahrscheinlich hatte es mit mir zu tun. Später dann im Zelt hatte er sich sogar bedankt! Ich war dann doch froh, als er endlich eindöste, so dass ich nur noch leise schmunzelte, als ich ihn seine letzten Worte murmeln hörte: "Bei Pilzgerichten kann man sich eben nie ganz sicher sein!"

 

 

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