Christian Tippe

geb.: 1974 in Braunschweig, derzeit wohnhaft in Frankfurt

Kontakt: christiantippe@gmx.de


 
 
 

WORTSAMMLUNGEN (1-3)

Kleine Völkerkunde umgangssprachlich (Wortsammlung 1)

Ithaka, Bimbo, Terk, Kanak.

Japse, Fidschi, Schlitzauge, Rothaut.

Kraut, Käskopp, Kümmel, Kiwi.

Saupreuß, Pollack, Zoni, Kommunist.

Tommy, Ami, Ivan, Barbar.

Spaghettifresser, Korintenkacker.

Reizwörter (Wortsammlung 2)

Tiermehl, Adolf, Faustfick, Tofuwurst.

Zeitarbeit, Makler, Talkshow, Feldbusch.

Ozonloch, Esoterik, Schwuchtel, Bush.

Miete, Ladenschlußgesetz, Eintracht, Gott.

Mitgefühl, Fußball, Porno, Elite.

Scientology, Defensivwaffen, Eigentum, Pubertät.

Rijkaard, raunen, Chef, freilich.

Alt, erwachsen, Ideale, Kommunismus

Stuckrad-Barre, Gürtelengerschnallen, sentimental, arbeitslos.

Sozialpädagoge, Geld, Tibet, Bauer.

Börse, Liebe, Hochkultur, verloren.

Berufswahl   (eine Auswahl: FR, Sa. 30.06.01; Wortsammlung 3)

Project Manager Sales Customer Management (Zur Verstärkung unseres Teams)

Operational Manager (Flexibility to adapt to fast changes)

Customer Management (Teamfähigkeit, Engagement und hohe soziale Kompetenz)

Junior Consumer Planning Manager (Mitarbeit an der Entwicklung neuer Research Tools zur Generierung von Consumer Insights)

Brand Manager (Kontinuierliche Marktbeobachtung)

Supply Chain Manager (verhandlungssicheres Englisch setzen wir voraus)

Office Manager (berufserfahren, engagiert)

Key Accountant Manager im Consumer Business (Wir sind auf Expansionskurs)

Financial Controller (Sie erstellen einen Forecast für Bilanz und GuV)

Leiter/in Equipment Planning (Sie beweisen Durchsetzungskraft)

Clinical Data Coordinator (Kodierung von Medikationen, Begleiterkrankungen und unerwünschten Ereignissen)

Product-/ Market-Intelligence-Specialist (motiviert und selbstdiszipliniert)

Technical Support Specialist (weltweit führend)

Quality Assurance Specialist (Sozialleistungen eines modernen Industrieunternehmens)

Payroll Spezialist (Jetzt liegt es an ihnen)

Quality Auditor (Ihr Ziel ist klar definiert: höchste Qualität)

Team Assistent Personalwesen (– ein spannendes Metier)

Call-Center-Agent (angenehme Stimme, hohes Engagement)

Personnel Officer (m/w) Human Ressources (mehrjährige Berufserfahrung)

Telesales-Profi (Wenn jeder Neukunde für sie das wichtigste Ziel ist)

Mitarbeiter/in Innendienst Technical Support Vertragsunternehmen (Sie haben Interesse?)

Sales Assistent (sicherer Arbeitsplatz, abwechslungsreiche Aufgaben)

Senior Accountant (Wir gründen in Frankfurt ein neues Werk)

Customer Acount Representive (Sie sind serviceorientiert, teamstark und flexibel)

Assistent Marketing Voice (Sie sind belastbar, dienstleistungsorientiert, vertrauenswürdig)

außerdem werden gesucht:

Sachbearbeiter Mahnwesen

Zerspanungsmechaniker (Frästechnik)

käufmännischer Projektsteuerer

Baggerfahrer


Jungerwachsenenabend mit Vorlesen  (Publikumsbetrachtung 1)

Ich kam etwas zu spät. Der Raum, man würde denken eine alte, mittlerweile mit Disco-Utensilien ausgestattete Scheune, wenn das Gebäude nicht inmitten eines Industriegebietes stände, war gut gefüllt. Das mußte wohl nicht wirklich erstaunen, da die fünf Mittelaltdichter, die heute hier zusammen auftraten, es laut Vorankündigung bei einer gewissen Gruppe von Menschen schon zu einer Art Popstarstatus im literarisch Kleinen gebracht hatten. Irgendwie schon berühmt, aber noch zum Anfassen!

Leuten wie mir, Mitte bis Ende zwanzig, behütet aufgewachsenen, mittelmäßig gut gebildet, sollten die Texte gefallen.

Die Lesung mit den zwei Frauen und drei Männern hatte bereits begonnen. Ich schlich mich vom Eingang, der originellerweise genau neben der Bühne lag und mich dem gesamten Publikum zur Musterung freigab, in den hinteren Teil des Raumes. Am Bühnenrand entdeckte ich einen mir bekannten Fotografen vom „Prinz“-Magazin, das durch eine Wandprojektion neben der Bar darauf aufmerksam machte, daß sie die ganze Aktion hier „powerten“. Obwohl auch er mich sah, tat er so, als ob er mich nicht erkannt hätte und schaute weg, als ich an ihm vorbeiging. Nun, die Dinge liegen so, daß wir keinerlei persönliche Beziehung unterhalten, uns nur ein paar mal im „u.p.s.“-Shop über den Weg gelaufen sind und ob seiner Redseligkeit dann auch immer ein paar Worte gewechselt haben.

Ich dachte, es könnte ein schöner Abend werden, auch wenn ich alleine dort war und sich im weiteren Umherspähen kein bekanntes Gesicht mehr auftat. Die Mädchen und jungen Frauen sahen in Mehrzahl hübsch und intelligent aus und hatten sich fast alle so herausgeputzt, wie zu einem Discobesuch. Auch die Jungs und Männer machten mit konzentriert aber möglichst unangestrengtem Blick und Heineken-Pullen am Handgelenk als selbsterkorene Metropolennachwuchsintelligenzia einiges her. Ich fühlte mich spontan wohl und konnte mir in diesem Moment keinen Ort vorstellen, an dem ich mich mehr unter meinesgleichen hätte fühlen können. Ich stellte mich an einen freien Stehtisch in der Nähe der Bar und versuchte mir vergebens ein Bier zu ordern.

Kurz nach mir kam noch ein Pärchen. Er: ein Sechseinhalbtagebärtiger mit angefettetem und leicht verschnittenem Haar, gestreiftem Altherrenhemd, das aus der Hose hing und ebenso antiquiert wirkendem Jackett darüber. Sie: hinter ihm, makellos, aber unscheinbar, einwandfrei angezogen, trotzdem irgendwie wirkungslos. Er fängt an mit der Kassiererin zu flunkern. Dann betreten die beiden ohne zu zahlen den Raum. Er schlurfend, mit Händen in den Taschen, nacheinander in verschiedene Richtungen nickend, einmal sogar lächelnd. Sie, weiter hinter ihm, gehetztes Gesicht, wahrscheinlich peinlich berührt wegen ihres Zuspätkommens, ängstlich ob ihrer Schönheit in diesem Schuppen, ein Ziel, das sie in der dunkelsten Ecke des Raumes ausmacht, fest fixierend.

Es liest gerade eine junge Frau. Sie ist irgendwas um die dreißig und erzählt was von taz-Lesen, Busfahrten und Männergerüchen. Das Publikum lauscht so aufmerksam, wie Erwachsene das bei einer Lesung zu tun pflegen. Angestrahlt von Scheinwerfern, erhöht auf einem Podest und hinter einem mit Zetteln und Büchern übersäten Tisch sitzen die fünf Mittelaltdichter. Die jeweils vier, die nicht dran sind halten die Klappe und warten auf ihren Einsatz. Nach der Frau ist ein etwa ebenso junger Mann an der Reihe. Er erzählt von Träumen. Jedem ist sofort klar, daß es seine eigenen Träume sind, die er da reflektiert. Schauspieler treten darin auf und ein alter Schriftsteller, die es alle auch in Wirklichkeit gibt. Sie spielen merkwürdigerweise auch im Traum noch ihre Rollen. Im Publikum Minenspiele, Zischeln, Kopfschütteln, als die allseits bekannten Namen fallen. Man zeigt, daß man kennt und gut von böse unterscheiden kann. An den witzigen Stellen wird dankbar gelacht. Nur ein paar Mädchen auf den vorderen Bänken bleiben regungslos. Für sie ist der Mann auf der Bühne anscheinend schon zu alt. Sie kennen seine Idole nur noch vom Hören-Sagen.

Nach den Texten: kein Applaus. Das wirkt wie abgesprochen. Ich hätte mitgeklatscht, wenn alle geklatscht hätten. So aber bin ich froh, nicht aus Höflichkeit Beifall spenden zu sollen. Es geht weiter, bis jeder der am Tisch Sitzenden mindestens einmal gelesen hat. Kurze Texte. Ich überlege, ob die Mehrzahl des Publikums wohl wegen den Texten oder doch eher den Herren und Damen Literaten da ist, die alle nicht schlecht aussehen und mindestens schon ein eigenes Buch rausgebracht haben. Es dreht sich in den Texten um ICE-Reisen und U-Bahn-Fahrten, kleine Beziehungsnickelichkeiten und neckische Erotik. Im Grunde das, was einem selber so passiert und was man gerne hören will. Dazu die Kulissen der sagenumwobenen Städte Hamburg und Berlin. Dazwischen aber ein Pendler. Er wirkt mit seiner Begeisterung für’s Während-der-Fahrt-aus-dem-Fenster-Gucken ganz eindeutig am Engagiertesten. Er ist circa zehn Jahre älter als die anderen und trinkt als einziger am Tisch Bier. Während die anderen bei Texten der Kollegen bei schlüpfrigen Stellen und Pointen gönnerhaft mitschmunzeln, scheint er etwas abwesend oder unzufrieden zu sein. Vielleicht, weil er sich mit seinen paarundvierzig Jahren schon nicht mehr so ganz dazugehörig fühlen kann. In der Pause später wird er alte Disco-Platten auflegen.

Auf der Bühne wird sich gelegentlich etwas ins Ohr gewispert. Die eine oder der andere fängt dann an, in seinem oder ihrem Buch zu blättern. Man weiß jetzt, daß man gleich dran ist. Die Lesezeichen sind leider immer an den völlig falschen Stellen eingelegt und so muß viel geblättert werden, während der lesende Kollege nebendran so tun muß, als ob ihn das nicht irritiert. Ein verschmitztes Lächeln, das entschuldigen soll. Dann die kurze Pause und Leserwechsel. Die Zuhörer halten still, saugen die Lebensbruchstücke der Autoren auf, als wären es ihre eigenen und zünden sich fortwährend Zigaretten an.

In der großen Pause lassen sie sich ihre soeben erstandenen Bücher signieren und ich hole mir nun endgültig ein Bier. Ich setze mich auf eine Bank, bin kurz unschlüssig, entscheide dann aber doch zu gehen. Als ich draußen bin, beeile ich mich sogar über den Hof zu laufen, weil es noch immer nieselt. Das überteuerte Bier nehme ich zum Auto mit. Es kommt mir einer entgegen, der gerade aus einem Taxi steigt. Fast nehme ich meinen Mut zusammen, mache den Mund auf und sage: „Lohnt sich nicht“, doch ich weiche seinem Blick aus und ziehe schweigend an ihm vorüber. 


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