Alexander W Müller

Alexander W(olfgang) Müller: *1972 in Oberbayern. Schreibt zeichnet und seit Mitte der 80er. Erste Veröffentlichungen im Phantastik-Fandom (früher EDFC, heute noch FC und FOLLOW). Lebte einige Jahre in Wien, machte Zivi in Marburg Hessen lebt seit dem ersten Quartal 1998 in Frankfurt/M.


Nachtrag zu meinem ersten Poetry-Slam

Vorweg dieses: Mein Nonkonformismus ist ohne Zweifel teilweise eine aus Neid geborene Attitüde, die gepaart mit meiner Extrovertiertheit auf andere oft unglaublich arrogant wirken muß.

Vier Poetry Slams habe durch die Peripherie meiner Aufmarksamkeit tapsen lassen, weil ich diesem
Ex-und-Hopp-Beklatschen von "Kunst" vorurteilig skeptisch gegenüber stand.

Aber ich bin eben zu arrogant und narzistisch extrovertiert, als daß ich einem Poetry Slam dauerhaft fernzubleiben vermag, vor allem, wenn aus dem Bekanntenkreis die Leute richtig auf meine Blödheit hinweisen, Dinge (wie Poetry Slam an sich) abzuurteilen, die ich selbst nicht erlebt habe und denen ich nicht beiwohnen will.

Kurz und schmerzlos gesagt fand ich den BCN Poetry Slam toll, genoß die Vielfalt des Dargebotenen, nicht nur weil da vieles war, was mir aus dem Knochenmark sprach, sondern weil es da auch mir Unsympatisches gab. Mit dem guten Gefühl zu einem durchwachsenen Reigen beizutragen brachte ich meinen Kram und freute mich über die Überraschung, meinen Block gleich zu gewinnen.

Das Stechen war schon eine gemischtere Sache, wie das Weizen und Blut in mir derweil auch und so stieß mir Christian Humborgs Text bitter auf. Sicherlich weil alles was aus Berlin kommt für mich erstmal natürlich logischerweise Kack ist, weil mich Christians Stil und Inhalt extrem an Max Goldt gemahnten und weil ich mich (siehe Weizen und Blut) spontan mit dem vor mir im Stechen lesenden Daniel Beskos verbündet habe und auch was "ernsteres" lesen wollte. Ich ließ mich sogar dazu hinreisen in den einleitenden Worten zu meinem Stech-Beitrag einen Seitenhieb auf Christians ("In meine Waschmaschine verliebt")-Text zu platzieren und im nonkonformistischen Groll, die Leute statt mit locker Lustigem zu unterhalten, quälte ich sie mit dem für diese Situatiuon ungeeigneten (dafür aber wahnsinnig aufrüttelnden Weltverbesser)-Text "Die Unsichtbaren".

(Bei Christian hab ich auf der Bühne bei der Preisverleihung um Vergebung für meine Spitze gegen ihn gebeten, die er gewährte, hoffe ich mal.)

Knapp vor dem Ende meiner Geschichte gaben einige junge (zumindest jüngere) Leute, die von der Bühne gesehen gleich rechts auf der Fensterbank saßen, ihre Abneigung gegen die Geschichte mit lautem Pfeifen kund. Legitim. Wie ich finde genauso legetim, wie daß ich ihnen beim Sprung von der Bühne ohne sie anzuschauen den Fuck-You!-Finger gezeigt habe.

Ich rege mich nicht darüber auf, daß ich auf der Bühne stehend angegriffen werde. So naiv nicht zu
wissen, daß ich damit rechnen muß bin ich nicht, sondern weiß, daß es eben gerade bei so was wie einem Poetry Slam zum Spiel des Abends gehört, sich vom Publikum direkt und mitunter lautstark werten zu lassen. Ich bekam immerhin auch viel Applaus.

Was ich denkwürdig finde, hat sich danach abgespielt. Ein Mädi aus der Fensterbankgruppe mußte mich abfragen, ob ich ihnen den "Stinkefinger" gezeigt hätte und was ich mir denn einbilde. Ich versuchte die Kleine zu beruhigen, aber die war schon voll auf dem Aggressiven und hätte mich wahrscheinlich noch einen Faschisten, Zyniker und Menschenverächter geschimpft. Meine Erklärung, daß ich eben meinem Frust über das Pfeifen mit einem Fuck-You!-Finger Luft machen mußte und sie als Publikum da genau am selben Spiel teilnehmen wie ich als Vortragender, wollte oder konnte sie nicht einsehen.

Ich kann nur hoffen, daß beim nächsten Mal diese Fensterbänkler wieder da sind, und sich die Gelegenheit zu einem Schwatz ergibt, denn um Leute (vor allem dieses Mädi), die sich über einen solchen Fuck-You!-Finger so echauffieren können mache ich mir sorgen, denn wie ich schon am Poetry Slam sagte: "Nehmt Euch nicht so ernst und ganz nebenbei kann ich Euch gar nicht beleidigen, denn Ihr seit ja das Publikum!"

(Frankfurt — 30.V.1999)



Gedicht mit "B"

Blut bei Boden beschützend

begreifen berserkende Bananen

Barbaren bei Buddeln brodelnd

blubbernden Barcadibesöffnisses

besorgnisvoll biologische

Bedenken betreffs baldigen

Bedürfnissen beider

Busenbehälter bastardender

Botschaftsbälger betonend
brustbewust beinschwingend
beim Beidhänder behänd
bedienend benötigte
Bandagen bestimmter
Betroffener.
(Irgendwo unterwegs — VII. 1990)

Fegefeur über Berlin
eine Homage an Wim Wenders
(auch wenn ich den gar nicht so mag, aber als Schriftsteller kann man sich das nicht immer aussuchen)

Im neuen Jahrtausend vor dem Reichstag in der Frühlingshitze auf der Wiese stehen und nach oben gucken, weil dort zum Einjährigen des Parlaments-Umzuges ein Schwarm Formations-Fallschirmspringer wie noch nie dagewesen einen Bundesadler bilden soll.

Einhundertachtundvierzig mutige Himmelstaucher schweben in der Luftströmung aufeinander zu, fassen sich an den Händen und ich stelle mir vor, wie sie noch "OHM" sagen und für ein paar lächerliche Sekunden kann man die Silouette des Wappentieres erahnen.

Die Linie bricht, die Fallschirmspringer driften auseinander und die einhundertachtundvierzig ziehen fast im selben Augenblick ihre Reißleinen und einhundertachtundvierzig Stoffknäuel wabern wie Farbwolken in den klaren Kaiserwetterhimmel.

Die Schreie der Panik dort oben kann hier niemand hören, aber plötzliche Unruhe die die Freunde und Kollegen der Springenden ergriff, wellt weiter auf andere Zuschauer und die Dame vom Mittags-Fernsehen fragt noch blöd, wie es kommt, daß der Wind die Fallschirme davon treiben kann.

Mit der Kraft meiner Gier sauge ich das erstaunte Entsetzen der menge um mich ein, als auch die Ersatzfallschirme ungebunden aufquellen und sich nutzlos davonmachen, werde unsichtbar und steige selbst in die Höhe, mich unter die strampelnd Stürtzenden mischend.

Den Stolzesten suche ich heraus und greife ihm als glückseelige Windböh unter die Achseln, bremse seinen Fall, so daß er des einhundertsiebenundvierzig Anderen Aufklatschen gewärtig werden kann, wo nötig dirigiere ich seinen Blick zum Aufprallspunkt, damit ihm auch nicht entgehe.

Auf den Sandhügel einer nahen Baustelle werfe ich den Auserwählten so, daß ihm außer einer leichten Stauchung des linken Knöchels kein Leid ereilt, und kaum daß ich selbst seinem Herzstakkato prestissimo zu lauschen beginne, kommen erste Kollegen meiner Zunft, um auch von diesem Bewußtsein zu kosten.

(Eschborn — 28.V.1999)

Fragen

Was machen
worüber lachen
Wohin laufen
was kaufen
Wen lieben
was nicht versieben
Worüber reden
von was leben
Wem vertrauen
was nicht versauen
Was ausmerzen
mit wem scherzen
Auf was lauern
wann trauern
Was erreichen
vor wem weichen
Worüber siegen
wen lieben
(Wien — 13.V.1991)


Das Geständnis

Ja, ich gebe zu, daß ich der Künstler bin, der für dieses Chaos verantwortlich ist, aber ich kann mir das Ganze nicht erklären, ich weiß nicht… ich kann nicht… es ist mir unbegreiflich, was da mit der Welt geschehen ist, was ich da angerichtet habe, doch will ich versuchen, alles zu erklären.

Es begann damit, daß ich diese wunderschöne Frau kennenlernte, diese Muse, nach einem Skrijabinkonzert im Musikverein, wir waren in diesem exklusiven Feinschmeckerrestaurant — dem da Capo — plauderten über Musik, das Konzert, den Dirigenten, da saß sie mir gegenüber, es hat keinen Sinn sie zu beschreiben, der Hals, eine Versuchung, ihr atmender Busen, lächelte, alles an ihr war fleischliche Harmonie, aber geben Sie sich keine Mühe, sie sich vorzustellen, diese kaum zwanzigjährige Grazie, es war der höllische Himmel sie anzuschauen, so jemandes kann man nicht beschreiben, nur anbeten.

Magie knisterte in der Luft, die Götter waren mir hold, La Poeme de L´Extase wallte noch durch uns, geleitete uns zusammen, ich lernte besser kennen, erzählte von meiner Arbeit, oh Wunder: Sie wollte mein Modell sein, sie war ganz versessen darauf, mit mir zu arbeiten, ach was, sie sprach von hingeben, wir fuhren also in mein Atelier, berauschten uns aneinander, verbrachten gierige Stunden der Hingebung, dann, wir waren ja schon nackt, hatte ich die Idee, sie nicht nur zu malen, sondern sie als Malgrund zu verwenden, eigentlich entstand dies mehr oder weniger bei der Zweisamkeit aus dem Affekt heraus, sozusagen, ich begann also, ihre weiße Haut zu bemalen, mit Pinsel und schöner feuchter Farbe, sie hatte sich auf einigen Tüchern ausgestreckt, sich entspannt und sich mir und meinem Pinsel anvertraut, dort können wir die Wirklichkeit noch finden, wenn sie noch schläft, mit einem behaglichen Grinsen schlief sie dann nämlich ein, meinte noch, ich solle ruhig weitermachen, sie hätte einen tiefen festen Schlaf, wenn sie erwacht, können Sie sicher sein, finde ich diese Augen wieder, und da sind die Tücher, die noch zur alten Wirklichkeit gehören: ihre Augen und die Stelle, wo sie liegt.

Mein Pinsel raste über sie hinweg, ich hatte Skrijabin noch im Kopf, ihre Schönheit unter mir… ich kann es nicht in Worte fassen… malte wie wild, das Tuch um sie herum wurde bemalt, der Boden, die Wände, mein ganzes Atelier, die Farbe wurde knapp, aber meine fleischgewordene Muse trieb mich zum Unmöglichen, ich entwickelte spontan die Fertigkeit und das Wissen, in größter Eile alles als Material zu verwenden, alles in das Gemälde einzucollagieren, und nun, da Sie mich erwischt haben, da kann ich das Gemälde von der Welt darunter auch nicht mehr unterscheiden, auch wenn ich der Künstler bin, gerade deswegen: Für mich ergibt das nun alles einen Sinn, fragen Sie nicht welchen, der Rahmen für ihre Schönheit vielleicht, fragen Sie mich auch nicht, wie ich vollbrachte, das Wasser zu bemalen, die Luft und den leeren Raum, jede kleine Ameise mit Pinseltupfern zu Kunst zu machen, jeden Fußgänger, Radfahrer, sogar Autos und Zügen nachzulaufen, wie ich fliegen konnte um Vögel, Wolken und Flugzeuge dem Bild einzuverleiben, aber wie ich schon sagte, ihre Vision peitschte mich, mein Pinsel wurde zum Zauberstab, sie trieb mich gnädig aber erbarmungslos, strikt und sanft, nicht eher den Pinsel aus der Hand zu geben, bis ich die Welt zu meinem Bild machte, es ist mir ein vollkommenes Rätsel, wirklich, es tut mir aufrichtig leid, wenn Sie sich alle nicht mehr in der Welt zurechtfinden, daß Sie sich ständig fragen müssen, was Wirklichkeit und was Bild ist, denn anscheinend bekommt man meine Farbe nicht mehr ab, läßt das Collagengeflecht sich nicht mehr aufzwirbeln, aber wie gesagt, sobald Sie mich wieder freilassen, werde ich sie sicherlich nicht lange suchen müssen, um den Glanz ihrer Augen zu finden, und dann kann ich Ihnen allen noch zwei Stellen der alten Wirklichkeit zeigen: ihren Rücken, und das Tuch auf dem sie schlief.



Die Unsichtbaren

Stefan stand in der vollgemästeten U-Bahn und grummelte still in sich hinein, denn er hätte jetzt zur Heimfahrt von seiner Arbeit bei der "Deutschen Bank" lieber einen Sitzplatz, um ein neues Comic lesen zu können. So aber stand er schwankend zwischen den schweigenden Menschen und gönnte den Sitzenden weder Zeitung noch Belletristik, ja verachtete besonders die, welche mit Textmarkern in lächerlich fetten Informatikhandbüchern herumschmierten. Seine Grummelei, Ungeduld und Mißgunst krabbelten kraftlos unter einer Käseglocke der Müdigkeit, wie sie sich nach einem Acht-Stunden-Tag "Corona"-Buchhaltung über sein Gefühlsbiotop zu stülpen pflegte.

"Fragen Sie sich, ob das so weitergehen kann? Ist dies das Leben, das Sie sich erträumt haben, oder sind Sie ausreichend domestiziert, um sich solche Fragen nicht zu stellen? Haben Sie einen kleinen Mann im Ohr, der Ihnen mit der Stimme Ihres Vorgesetzten sagt, was Sie zu tun und zu lassen haben?", sagte gut vernehmlich eine junge Frau irgendwo hinter Stefan.

Nur die kein Deutsch verstehenden Ausländer blieben gelassen, die Blicke aller anderen aber kreisten herum auf der Suche nach der Fragenden. Das Schweigen hatte sich drastisch verändert. Geradezu trotzig klang das Rascheln einer umgeblätterten "Bild" nun in Stefans Ohr. Er war plötzlich ganz aufgeregt, wie nach dem ersten Abwärts einer Achterbahn.

"Mögen Sie Ihre Arbeit? Haben Sie sich freiwillig zur Entmündigung entschlossen, oder wurden Sie gezwungen? Konnten Sie schon mal kontrollieren, ob Ihr Gesichtsfeld von Scheuklappen begrenzt wird?"

Stefan mußte diese Frau sehen, aber die Menschen um ihn hinderten ihn sich zu bewegen, und er wollte sich an den fremden Menschen nicht reiben. Die Bahn bremste ab, die Türen öffneten sich und eine Handvoll Passagiere trollte von dannen wie Zirkustiere nach der Vorstellung. Durch die Scheiben riskierten sie einen ängstlichen Blick in den Waggon mit der fragenden Frau, wie Abergläubische, die befürchteten, Zeugen — wenn nicht gar Opfer — einer Hexerei geworden zu sein. Niemand stieg zu und die verbleibenden Fahrgäste arrangierten sich neu. Das ignorante Schweigen war zur angespannt räuspernden Farce geworden. Die Bahn setzte sich wieder in Bewegung.

Stefan lehnte sich an die Ausstiegstür, um das Innere des Waggon zur Gänze überblicken zu können. Der Zug verließ die gegrabene Nachtwelt und tauchte in das Sonnenstroposkop eines spätsommerlichen Abends. Stefan wartete voll Spannnung auf die nächsten provokanten Fragen, die die Unbekannte aus Stefans eingetrocknet geglaubtem Knochenmark abzulesen schien. Mit jeder Sekunde flehte er im Stillen jede der noch anwesenden Frauen an, daß sie es sein möge, daß sie mit dem Fragestellen fortfahren möge, doch keine öffnete den Mund, guckten nur wie abgelehnte Statisten zurück, wenn überhaupt. Die Fragende mußte den Waggon verlassen haben, zu diesem Schluß kam Stefan nach dem nächsten Halt und er gab sich einen Ruck und blies eine zu voreilig angezündete Kerze in seiner Brust aus.

Bis zu seiner Haltestelle — der Endstation — war es noch weit, und so ging er auf einen der inzwischen frei gewordenen Sitzplätze zu, hatte sein Comic halb aus der Tasche gezogen, da zuckte er zum Stillstand;
vor seinem geistigen Auge war kurz Rosenkranz (oder Güldenstern?) aufgeblitzt, wie er wieder und wieder die Münze warf und immer zeigte sie "Kopf". Stefan ließ das Comic in die Tasche gleiten. Er lehnte sich wieder an die Tür, schüttelte kurz Arme und Beine, wie ein Hochspringer bevor er anläuft, strich die Haare zurück und räusperte sich; dann begann er laut und deutlich seine Fragen loszuwerden.


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