Michelle Richter

Frankfurt

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Gewinnerin poetry slam! Frankfurt #77


Als ich klein war wollte ich mal groß werden.
Als ich klein war und eine bunte Brille trug wollte ich mal schön werden. Als ich klein war und in den Kindergarten ging wollte ich schon große Sachen machen.
Als ich klein war begann ich erwachsen zu werden.

Ich war Konditorin, Ich war Sekretärin, Ich war Mogli das Dschungelkind, Mila Superstar und die Frau von Spiderman wenn ich nicht grade bei HeMan war.

Als ich klein war wollte ich kämpfen wie die chinesischen Männer aus den Filmen meines Vaters,

als ich klein war wollte ich malen wie die Leute von walt Disney.

Als ich klein war da konnte ich das alles.

Ich konnte Sticker sammeln wie Antiquitäten. Ich konnte Fahrrad fahren ohne den Lenker festzuhalten. Ich konnte bunte Bilder malen ohne dabei die Farbe zu wechseln.
Ich konnte ganz schön viel als ich klein war.

Als ich klein war hatte ich Strumpfhosen auf dem Kopf und war dem Osterhasen eine große Hilfe.
Als ich klein war, war mein Zeigefinger besser als jeder Pinsel.
Als ich klein war trug ich gelbe Hosen.

Als ich klein war empfand ich das als schön. Als ich klein war empfand ich Haare kämmen als Zeitverschwendung.

Als ich klein war, war das gut so.

Jetzt bin ich groß, meine bunte Brille ist weg.

Ich könnte jetzt große Sachen machen.
Ich bin nicht mehr im Kindergarten und nicht mehr an den Autor von Spiderman gebunden. Ich könnte kämpfen lernen wie die chinesischen Männer und ich könnte das tun was Walt Disney macht, aber ich tue nichts davon.
Ich sitze vor einem Blatt Papier und kann nicht malen,
ich sitze vor einer Menschenmenge und kann nichts sagen,
Ich stehe vor dem Kleiderschrank und finde keine gelbe Hose mehr.

Ich kann einfach nichts mehr.

Vorhin da kam er rein, und noch bevor er etwas sagen konnte brach es aus mir heraus.
Alle saßen da und sahen mir zu. Während meine Stimme sich zittrig aus meinem Kopf floh und mein Herzschlag jegliches Gefühl für Rhythmus verlor.
Ich wollte gar nichts sagen,
ich wollte nur nicht hören dass ich etwas nicht kann.

Ich prallte mit den Worten nicht nur aus mir heraus
sondern sogar an mir ab.

Ich kann nicht malen.
Ich kann keine bunten Hosen mehr tragen.
Ich werde keine Konditorin und Sekretärin wollte ich nicht mehr sein.
Ich fahre kein Fahrrad mehr. Ich schiebe die Schuld auf meinen Stift wenn ich das bunte Bild nicht mit einer Farbe malen kann und meine Fingerspitzen sind nicht mehr von nutzen bei den vielen Pinseln die hier stehen.

Als ich klein war konnte ich ganz schön viel.
Heute kann ich gar nichts mehr, weil ich mir die Haare kämmen muss. Weil jedes Bild schön sein muss, weil alles was ich mache lukrativ sein muss.
Weil ich mich wie eine Frau verhalten muss.

Heute kann ich gar nichts mehr, weil ich nicht mehr groß sein möchte, sondern weil ich groß sein muss. 


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