Alex Dreppeç

*1968 in Jugenheim / Kreis Bergstraße, lebt in Darmstadt und Hannover (dort wissenschaftlicher Mitarbeiter). Studium der Psychologie in Darmstadt, Diplom und Promotion, Promotionsstipendiat des Landes Hessen, Studium der Germanistik in Frankfurt und Darmstadt. Forschungsaufenthalt in Boulder / Colorado / USA. Lyrik und Kurzprosa in Anthologien und Zeitschriften (FAZ, "Wandler", "Der Literat", "Das Gedicht", "Mein heimliches Auge" u.a.). Veröffentlichungen von Techno und Popmusik mit Plazierungen in Airplay - und DJ-Charts. Poetry Slam seit Ende 2000 (seitdem u.a. Sieger der beiden Slams im Rahmen der Mainzer Minipressenmesse in Frankfurt und Mainz).
E-Mail-Adresse: AlexDeppert@gmx.de
Mobilnr. 0163/3341238

Homepage: www.dreppec.de


Siegertext poetry slam #14

DIE DOPPELMORAL DES DEVOTEN DESPOTEN

Ballade vom Fall eines Politikers in D - Moll

Diesen demokratisch delegierten Despoten
Diesen dienstags dominanten, donnerstags devoten
Drückte damals derartig der Drang der Drüsen
Daß das delikate Dekolleté, die drallen Düsen
Der durchtriebenen Domina diesen drangsalierte
Dessen Denken durchgängig determinierte.
- Das dünkt denkbar, doch das Dreiste daran:
Durchschnittlich durfte der daheim durchaus dran.
Doch der dachte "Das Durchschnittliche - Dankeschön !
Da dürfen die Despoten doch drübersteh'n !"

(Refrain:) Der Despot, der Despot, der devote Despot
Der, der der Domina den Dödel darbot
Der Despot, der Despot, der devote Despot
Der, der der Domina den Dideldi-Dudeldi
Der, der der Domina den Dödel darbot

Der Dämmerlichtbezirk, der Diva Domizil darin,
Darum dirigierte der Despot den Dienstwagen dorthin.
Das delikate Delikt - diskret dazu dies:
Daß die Dame den Despoten dreimal drüberließ.
Details: Die deliziöse Dompteuse disziplinierte
Den devoten Despoten, dem der Drang detonierte.
Der dotierte durch dreihundert Demark das derbe,
Drakonisch - direkte Dienstleistungsgewerbe.
Demütig dankte der durchgepeitschte Despot
Daß die Diva dem derart den Drill darbot.

(Refrain)

Die Dame daheim, die doch dienstbereit,
Deutete das Defizit durch Diensteszeit.
Doch da der Delegierte demagogisch drohte:
"Demoliert das Dirnenviertel, das Dunkelrote",
Deichselte die Domina, daß dem das Ding
Diesmal doch deutlich danebenging.
Der Demagoge, der den Datenschutz diffamierte,
Dessen Decknamen die Diva dann demaskierte,
Dementierte die Details durchaus defensiv.
Doch dann denunzierte den dieser Detektiv,
Damit draufging durch dessen direkten Draht
Des devoten Despoten Direktmandat.

(Refrain)

Der desolate Despot, der diskreditierte,
Dichtete Doppelgänger dazu, dieser Delegierte,
Den dann doch die Dame daheim demaskierte,
Da diese Druckstellen diagnostizierte,
Die durch das Durchpeitschen daumenbreit
Dokumentierten die Dreistigkeit.
Das drückte die demoskopischen Daten,
Drosselte die Diäten des Demokraten:
Der durch der Duzfreunde Distanz demoralisierte,
Der donnernd durchfiel, dann demissionierte,
Dachte: dieses Drama der Drüsendrogen
Demontierte dich dummen Demagogen.


FRANKFURT ZAHNLÜCKE MANHATTAN

Fensterlicht wie Augen, ein paar Dächer außer Sicht
Doch diese kühlen Riesen, sie bewegen sich nicht
Vereinzelt, voneinander scheinbar abgewandt
Wie gegen den Rest der Welt im Widerstand
Zerteilen sie den Himmel mit sparsamem Schnitt
Wie weit geht unser Blick, wie weit führt unser Schritt
Wie tief kann man fallen von dort, wo wir sind
Bedenke, hier gibt's wenig Schutz gegen Wind

Frankfurt Zahnlücke Manhattan

Schutt war auch dies in Vergangenheit
Doch wir wissen hier ist wieder weit und breit
Der einzige Ort den die Nacht regiert
Und der weiß wie man Häßlichkeit kompensiert
Wo gefälschte Gangster schleichen
Zwischen Alkohol? und anderen Leichen
Schillert ein zerrissenes Bild im Main
Gebrochen in den Wellen, ohne Heiligenschein

Frankfurt Zahnlücke Manhattan


SEI MEIN FETISCH

Linien mit Blicken, die Spuren hinterlassen
Wo wir Blutkörper sind und Augenlieder singen
Wo drei Rhythmen wohnen, zwei davon Herzschlag und
sie sind nicht synchron.
Doch sie tanzen mit uns und wir tanzen mit ihnen

Ich warte auf Dich, dann muß ich Dir folgen und
glänze davon bis es trocken ist


Siegertext poetry slam #15

KASSIERER KARLS KARRIEREKNICK

Karl, Kaisers kompetenter Kassierer
Klagte: "Keiner kauft Karotten, keiner?"
Kunigunde - Kundin - korrigierte:
"Kaufe Karotte, knuffiger Kleiner!
Kaufe Karotte, kaufe Kuhknochen,
Konzipiere Karottes knuspriges Kochen!"
"Knuffiger Kleiner?" - Karl klang konsterniert
"Keiner Kundin knuffiger Kleiner, kapiert?"
"Kein Kommentar, kümmerlicher Kastrat,
Kleingeld kassierendes Kleinformat"
Keifte Kunigunde kompromittiert.
Karl: "Keiner kann knusprig kochen, kapiert?
Kein kompetenter Kaisers-Kunde!"
"Korinthenkacker" krisch Kunigunde.
Karl knöterte: "kein Kassernenhofton!"
Kunigunde: "Kampfscheues Knallbonbon,
Kleiner, klapperdürrer Knastbruder!"
Karl: "karpfenköpfiges Keifluder!
Korpulente Kreissäge, kugelrunde!"
"Kriegserklärung!" krisch Kunigunde
Karl kommentierte knapp "Kapiere!
Karottenkopulation konzipiert!"
Kunigunde konterte "Korrigiere!
Kassierers Kastration kalkuliert!"

Kunigundes kräftiger Kampfesschrei:
"Kassierers Kutteln Kartoffelbrei!
Kutteln kappen, Kaisers Kasper kastrieren,
Kassierer kann kinderlos kompostieren!"
"Karrotten-Kopulations-Koryphäe,
Kugelförmige Knoblauch-Krähe!
Krätzekrank, kolossal korpulent!"
Krakeelte Kassierer Karl konsequent

Kunigunde krisch "Kaisers Kassiererknaben
Kultivieren kräftige Küchenschaben,
Kellerasseln, Kakerlaken, klebrigen Käs!
Kaisers künftiger Kunde kriegt Karies!"
Kunigundes Koller kam kaum kontrollierbar.
Konsequenz: Kaisers Karl kam keinesfalls klar
Krisch: "Kaisers kultiviert keine Kakerlaken"
Krachend kassierte Karl Kinnhaken
Kunigunde katapultierte Kalender,
Konfitüre, Konserven, Kerzenständer
Kosmetika, Kaviar, Kokosmilch,
Krisch "kapituliere, Kassiererknilch!"
Karls Kiefer knickte, Karls Knie knackten
Kraft Kunigundes Kampfkontakten.
Karl kippte kopfüber, kaum koordiniert
Kunigunde kapierte: Karl kapituliert
Kerbte kunstverständig Kassierers Kragen
Kunden kontaktierten Karls Krankenwagen
"Keiner, keiner kann knusprig kochen"
Klapperten Karls krumme Kieferknochen
Kraft Kunigundes Kampfeskraftsport
Kam Kassierer Karls Krankentransport
Krankenpfleger kontaktierten kühle
Kunigundes künftige Klappsmühle
"Kieferbruch kraft Körpergewichts"
Konstatierte Karls Krankenbericht
Karls karambolierte Kaisersfiliale
Kostete Konsequenzen, katastrophale
Kein Kündigungsschutz - knüppeldick
Kam Karls konsequenter Karriereknick


SPARSPIELE

Mit gemeinsprachlichen Stichwörtern,
fies wie "Dolch, Messer, Wespe",
pflegen wir durchaus Umgangssprache
obwohl sie uns das Wort abschneiden
oder uns eine Müllabfuhr erteilen.
Das kann man nicht wegdeutschen,
wexehen und die Arbeit forzezen -
denn das ist eine NOTWENIGKEIT:
Wir müssen sie / uns richtig miteinander
aussprechen, falsch betonierte Wörter
in Lautschrift (vgl. S. ?, Zeile 2) leiser machen.
Denn das Zahlwort heißt:
Die Rechnung bitte.


IM AUFTRAG MEINER GENE

Hygienische Dame, hätt' ich nur die Wahl
Schwämme in ihren Hüften schon mein Erbmaterial
Ihr entschlossener Gang, ihr kraftvoller Schritt
Es wär' so schön, ginge dort ein Stück von mir mit
Doch Vorsicht ! Ich will nicht das, was sie denken
Nein, ich will ihnen nur Reagenzgläser schenken !
Nach Eigenschaften sorgfältig vorsortiert
Beste Ware, cremig fein und zentrifugiert !
Soldat oder Künstler, sagen sie's schon
Oder meinen Sie, wir haben schon nicht mehr die Wahl?
Sie zögern? Ist das nach allem mein Lohn?
Was sagten sie gleich, sagen sie es nochmal -
Sie sind schon schwanger mit ihrem eigenen Klon?
Ach so ! Ach was ! Na, dann vielleicht ein andermal


Siegertext poetry slam #16

Dr. Krankenscheins Monster

Ab und zu sprachen wir in der Lerngruppe für die Psychologie-Diplomprüfungen darüber, was denn nach den Prüfungen aus uns werden sollte. So auch bei diesem Treffen. Würden wir verarmt durch die Stadt laufen und Leute mit auffälligem Benehmen ansprechen und sie darum bitten, sie therapieren zu dürfen?
Gerlinde meinte, man müßte das natürlich geschickt anfangen, etwa so: "Sie haben da so eine wunderschöne Verhaltensstörung, können sie mir noch einmal vorführen, wie sie andere am Wühltisch anschreien?". Vielleicht könnten wir auch ein paar Leute selbst in den Wahnsinn treiben, um sie danach therapieren zu können. Schließlich machten die Psychologieprofessoren das mit uns ja auch so ähnlich.
Manche Theoretiker bestreiten die Notwendigkeit einer Therapie in den meisten Fällen. Jede Störung ist auch eine Stärke, sagen andere. Bei Selbstmord hört das wohl auf, aber ich hatte plötzlich eine Idee, wie man diesen Gedanken konstruktiv umsetzen könnte. "Wir könnten doch einen Vermietservice für Leute mit Störungen aufziehen" sagte ich. Gerlinde schaute mich fragend an. "Na ja, denke doch mal an Leute mit Putzzwang" ergänzte ich. Es dämmerte ihr. Roland warf ein: "Da rufen dann die Leute bei uns an, wir schauen in die Kartei und sagen: ja, wir haben da noch jemand, der zwanghaft Fenster putzt. So, sie sind von der Commerzbank? Das ganze Hochhaus? Das wird unseren Mann freuen. Morgen 15:00, OK, wir holen ihn dann nächstes Jahr irgendwann wieder ab". Auch Gerlinde begeisterte sich jetzt: "Ja, und die Leute kommen raus, erkennen einen Sinn in ihrer Störung. Sie kommen in eine Umgebung, die anders als ihre Familie und Freunde ihre Tätigkeit zu schätzen weiß. Sie können ein neues Selbstwertgefühl entwickeln".
"Exhibitionisten" warf ich ein, "die können wir an Parties vermieten". Gerlinde war skeptisch: "Na ja, die müssen aber vorher strippen lernen. Einfach so Mantel auf ist ja öde. Und ob die so gut beieinander sind. Ich hab' Euch doch schon erzählt, neulich hab' ich einen gesehen bei fünf grad Minus. Ganz verschrumpelt". "Und mit Waschbärbauch" ergänzte Roland wissend. Ich lenkte ein: "Klar, wir können nicht jeden Exhibitionisten nehmen, sie müssen bei uns in der Praxis natürlich erstmal vorführen. Du und Susanne, ihr könnt dann auswählen. Denke daran, so kommen die auch in eine Umgebung, die ihre Tätigkeit zu schätzen weiß. In eine geheizte Umgebung". Gerlinde war zufrieden.
"Leute mit Sprach- und Denkstörungen könnten wir als Psychologieprofessoren einsetzen" sagte Roland. Er hatte wohl die Ernsthaftigkeit unserer Debatte nicht erkannt. Wir gingen auf seinen Einwurf nicht ein.
"Alzheimerpatienten könnten wir für Scheinhochzeiten vermieten" sagte ich. "Und Katatoniker (Leute mit Bewegungsstarre) - und Katatoniker - biegen wir zu tollen Skulpturen zusammen" ergänzte Roland. "Du trittst dann auf als ‚Roland und seine lustigen Katatoniker'. Untertitel: ‚Die menschliche Pyramide'" antwortete ich. "Ich dachte eher an den Titel ‚Dr. Krankenscheins Monster'" erwiderte Roland. Er neigt grundsätzlich dazu, die Dinge etwas zu sehr auf den Punkt zu bringen. Ich war froh, daß ich aus Pietät auf den Vorschlag verzichtet hatte, Selbstmordkandidaten als Stuntmen zu vermieten
"Ja, und bei Patienten mit multiplen Störungen können wir Kompaktangebote machen" sagte Gerlinde, "Ordnungszwang und Putzzwang, bringt die Wühltische in Ordnung und scheuert den Boden, den ganzen Tag, ohne sich zu beschweren und ohne Bezahlung". "Halt", sagte ich, "mit Bezahlung, die geht an uns, irgend etwas müssen wir doch auch davon haben. Wir können es natürlich etwas billiger machen als Putzkolonnen oder so". Susanne hatte bisher geschwiegen. Jetzt wachte sie auf: "Multiple Störungen? Nacktputzer!". Ich fragte sie: "Du meinst Exhibitionisten mit Putzzwang?". Sie strahlte. Ich mochte sie. Stand sie auf Nacktputzer? Wenn ich es doch noch schaffen würde, sie zu gewinnen, würde ich dann auch nackt für sie putzen müssen? Nun ja, das ist eine andere Geschichte. Wir waren uns jedenfalls einig, daß die Nacktputzer der Hit sein würden. Susanne hatte vor kurzem gehört, daß das jetzt Mode sei. Plötzlich hatte unsere Zukunft einen Sinn. Wir würden schnell unser Diplom machen und dann zusammen eine Agentur für Zwangsgestörte und dergleichen eröffnen, vor allem für Exhibitionisten mit Putzzwang. Bei uns würden die Beladenen dieser Welt Entlastung finden. Glücklich gingen wir daran, weiterzulernen.


Brodeks schwimmende Erdbeeren

Grüner ist es geworden in den Städten. Und röter. In ziemlich kurzer Zeit haben Bahnhöfe, Industriegebiete, Hausdächer einen großen Teil ihres Grauschleiers verloren. Lange war ich froh, daß kaum jemand wußte, welchen Anteil ich an der Geschichte hatte.
Ich traf Brodek das erstemal bei einer Diskussionsveranstaltung über die Gefahren der Gentechnik. Er war Genetiker und saß auf dem Podium, wo er wüste Anschuldigungen ruhig und geduldig über sich ergehen ließ. Dabei argumentierte er sehr differenziert: natürlich sei es nicht ungefährlich, mit Genen einfach ziellos zu experimentieren und die Entwicklung von Biowaffen lehne er überhaupt völlig ab. Man müsse sich aber vergegenwärtigen, was die Gentechnik der Menschheit zu bieten habe: Pflanzen, die keine Insektizide bräuchten, Pflanzen, die man in der Wüste anbauen und mit Meerwasser gießen könne, Pflanzen, die oben Tomaten und unten Kartoffeln trügen und so viel weniger Feldfläche verbräuchten...
Die anderen Diskussionsteilnehmer gingen auf seine Argumente nicht ein. Brodek machte einen guten Eindruck auf mich, obwohl er um seine Lage wirklich nicht zu beneiden war. Man hatte ihn ganz offensichtlich eingeladen, um ihn auf offener Bühne auseinanderzunehmen. Man hätte an seiner Stelle ebensogut einen Punchingball aufstellen können, auf den man ungestraft einschlagen kann - oder eine Plastikpuppe, wie man sie bei simulierten Verkehrsunfällen benutzt.
Zwar war ich selbst zu dieser Veranstaltung gekommen, weil ich mit Gentechnik eher Befürchtungen als Hoffnungen verband. Aber das fand ich nicht fair.
Nach der Podiumsdiskussion sprach ich Brodek an. Das war nicht leicht, da er immer noch von wütenden Mitmenschen umringt wurde. Ich teilte ihm mit, daß ich zwar nicht seiner Meinung sei, aber die Ruhe und Sachlichkeit bewunderte, mit der er diese für ihn höchst unangenehme Situation überstanden hatte. Er bedankte sich und wollte wissen, in welchen Punkten ich denn nicht seiner Meinung sei. Ich hatte den Eindruck, er war froh darüber, einen "vernünftigen" Menschen gefunden zu haben. Vielleicht hatte ihm das Ganze mehr ausgemacht, als er sich hatte anmerken lassen. Er sagte mir, sein Zug führe erst in zwei Stunden und hier wolle er nicht bleiben. Ob ich nicht einen Ort wüßte, an dem es etwas ruhiger sei. So gingen wir in ein Café und unterhielten uns weiter. Er erzählte mir von seinen neuesten Projekten. Er arbeite nur mit Pflanzen und nur an zivilen Projekten, versicherte er mir mit ehrlichem Engagement. Bevor er sich verabschiedete, lud er mich ein, ihn in seinem Institut zu besuchen.
Zwei Wochen später rief er an und sagte, er habe am Wochenende an seiner Arbeitsstelle zu tun und könne sie mir bei dieser Gelegenheit zeigen, wenn ich Zeit und Lust hätte. Ich sagte zu und fuhr am folgenden Sonntag zu seinem Institut.
Ich hatte es mir anders vorgestellt: überall standen große und kleinere Glaskästen, in denen verschiedene Pflanzen wuchsen. Im größten dieser Kästen wuchs ein Kornfeld unter künstlichem Sonnenlicht. Dann betraten wir ein riesiges Gewächshaus. Dort befand sich das neueste Schmuckstück aus Brodeks Arbeiten, wie er selbst sagte: eine kleine Kolonie kräftiger Erdbeerpflanzen, die jede für sich aus kleinen Plastikbehältern wuchs.
Sie sahen wie gewöhnliche Erdbeeren aus. Zumindest ich als Nichtfachmann sah keinen Unterschied. Um so interessanter war aber das, was Brodek mir erzählte. Diese Erdbeeren könne man fast das ganze Jahr über in rascher Folge ernten, die ersten schon wenige Wochen nach der Aussaat - man könne sie neben der Vermehrung durch Ausläufer auch säen, was bisher bei Erdbeeren schwierig gewesen sei. Die Pflanzen bräuchten keine Insektizide, weil sie besonders widerstandsfähig seien. Außerdem bräuchten sie keine Dünger und faktisch keine Erde, unter anderem weil sie in der Lage seien, den Stickstoff aus der Luft aufzunehmen. Wichtige Spurenelemente würden sie aus dem Wasser gewinnen, von dem sie aber auch nur wenig bräuchten. Salzwasser sei ihnen ebenso lieb wie anderes, deshalb müsse man kein Trinkwasser verschwenden, um sie zu wässern. Brodek hatte keine Mühe gescheut: da sie schwimmen würden, könne man sie auch als Wasserpflanzen anbauen, ebensogut wie auf beinahe jedem beliebigen Untergrund. Eigenschaften von Rankpflanzen würden sie ebenfalls aufweisen.
Brodek erklärte, alle diese neuen Merkmale seien den Erdbeerpflanzen mit Hilfe der Gene anderer Pflanzen verliehen worden, aber das eigentlich Interessante sei die Kombination und die Verträglichkeit all dieser Eigenschaften.
Das allerschönste aber sei, daß sie hervorragend schmeckten. "Die erste Ernte der neuen Generation! Und Sie dürfen als erster probieren!". Er reichte mir eine große, rote Frucht. Ich zögerte einen Augenblick, konnte dann aber nicht widerstehen. Sie schmeckte tatsächlich sehr gut.
Was er nun mit diesen Erdbeeren vorhabe, fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern und erklärte mir mit sichtlichem Bedauern, daß die Zeit für seine Beeren wohl noch nicht reif sei. Im Moment seien sie nicht viel mehr als ein Demonstrationsobjekt.
Anschießend zeigte er mir noch verschiedene Projekte seiner Kollegen, an manchen war er beteiligt. Den meisten Pflanzen sah man nicht an, daß sie genetisch verändert waren. Die auffälligsten Arten zeigte mir Brodek kurz bevor wir uns voneinander verabschiedeten: einen kleinen Bananenbaum, der bei mitteleuropäischem Klima gedieh und einen drei Meter hohen, mehrere Jahre alten Tomatenbaum mit dickem Stamm.
Am nächsten Tag teilte man mir an meiner Arbeitsstelle mit, die Auftragslage meines Unternehmens ließe es günstig erscheinen, wenn die Arbeitnehmer ihre Überstunden abfeiern würden oder Urlaub nähmen. So entschloß ich mich spontan, in den Urlaub zu fahren.
Als ich erholt zurückkehrte, war mein Anrufbeantworter voller Anrufe, aus meinem Briefkasten quollen die Briefe - und aus meiner Toilette Erdbeerpflanzen.
Anrufe und Briefe waren fast alle von Brodek. Er hatte nicht mitbekommen, daß ich in den Urlaub gefahren war und verzweifelt versucht, mich zu erreichen. Samen von seinen Erdbeeren waren ins Freiland gelangt, und er hatte den "begründeten Verdacht", daß auch ich zu ihrer Verbreitung beigetragen hätte. Die Erdbeersamen würden nach der Verdauung unversehrt ausgeschieden. Ich solle mich sofort melden. Man könne jetzt vielleicht noch etwas machen. Er klang sehr beunruhigt.
Zuletzt hatte er mir ein großes Päckchen geschickt, das ich bei der Post abholte. In dem beiliegenden Brief verabschiedete er sich und erklärte, er würde für unbestimmte Zeit an einen unbestimmten Ort verreisen. Das Päckchen enthielt eine starke Säure, die Erdbeerpflanzen abtöten sollte. Ich goß sie in meine Toilette. Es stank und qualmte, die Pflanzen lösten sich auf. Das beruhigte mich etwas.
Trotzdem hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache und bald auch ein schlechtes Gewissen. Ich hätte mich gleich bei Brodeks Institut oder anderen Fachleuten melden sollen. So hoffte ich nur, alles würde so schlimm schon nicht sein. Schließlich ging es nur um Erdbeeren.
Es vergingen Wochen, in denen ich von Brodek nichts hörte - ich hörte überhaupt nie wieder etwas von ihm. Von seiner Schöpfung aber tauchten nach und nach Berichte auf, zunächst im Unterhaltungsteil mancher Nachrichtensendungen. Es waren Berichte über eine rätselhafte Erbeerplage, die sich, ausgehend von den beiden ersten meiner Urlaubsorte, bald an vielen verschiedenen Orten ausbreitete. Ein Teil der Erdbeeren wuchs im Meer, am Anfang da, wo wahrscheinlich eines der Hotels, die ich besucht hatte, illegalerweise seine Abwässer einleitete.
Allen meiner Mitmenschen kamen diese Nachrichten skurril vor - außer mir. Manche fanden es sogar lustig oder gut und forderten kostenlose Erdbeeren für alle.
Die sollten sie bekommen:
Die Erdbeeren verbreiteten sich mit rasender Geschwindigkeit. Heimkehrende Touristen oder Geschäftsreisende halfen ihnen dabei, außerdem Vögel und andere Tiere.
Die Kläranlagen der Städte waren oft mit zuerst betroffen, dort konnte man die Pflanzen aber auch noch recht gut bekämpfen.
Man setzte ein Gerücht in die Welt, die Erdbeeren seien ungesund. Wie man bald darauf zugeben mußte, wußte man nichts über ihre Wirkung auf die Gesundheit. Man hatte gehofft, durch das Gerücht die Verbreitung der Erdbeeren durch Verzehr und Ausscheidung zu stoppen. Es war zu spät.
Bereits im nächsten Jahr wuchsen die Erdbeeren fast überall. Sie überquerten von meinen Urlaubsorten am Mittelmeer aus mühelos die bald fast vollständig bedeckten Alpen,
quer durch Bayern, wo heute lustlos Erdbeerbier getrunken wird.
Es wurden Bürgertrupps aufgestellt, die den ganzen Tag Erdbeerpflanzen ausrissen. So versuchte man auch, wenigstens Teile der natürlichen Fauna und Flora zu retten oder noch ein paar andere Pflanzen anzubauen. Aber für jeden Ort, an dem man sie ausgerissen und verbrannt hatte, tauchten sie an fünf neuen Orten auf. So konzentrierte man sich schnell auf bestimmte Orte, kleinere Waldgebiete wurden sogar eingemauert. Der Rest wurde sich selbst und damit den Erdbeerpflanzen überlassen. Brodek hatte ganze Arbeit geleistet.
Die Beeren wuchsen auf Autodächern, in Hinterhöfen, auf den Straßen, auf Baumkronen, aus Waschbecken, Toiletten und natürlich dort, wo anderes wachsen sollte. Sie machten sich als dichter Teppich auf Hausdächern breit und rankten sich die Wände entlang. Die Straßen verwandelten sich zusehends in schimmelnde Komposthaufen, in schleimige Schlitterbahnen mit vernetzten Auslegern bis in mehrere Meter Höhe und herabfallenden matschigen Erdbeeren.
Auch der Versuch einzelner Länder oder Regionen, sich abzuschotten, erwies sich als sinnlos: die Erdbeeren verbreiteten sich über das Meer als weltumspannender Vegetationsteppich, der schon bald selbst der Schiffahrt neue Technologien aufzwang und das Satellitenbild des gesamten Planeten änderte.
Dschungelmesser gehören seitdem zur Standardausrüstung. Ohne sie ist es kaum noch möglich, sich zu bewegen, draußen nicht, aber auch in der eigenen Wohnung braucht man sie oft genug. Alles ist verklebt und der faulende, gärende Geruch hängt überall, so daß man ihn kaum noch wahrnimmt. Jeder sehnt sich nach dem Winter, weil es nur dann manchmal etwas besser ist.
Der Geschmack von Erdbeeren ist heute jedem ein Greuel. Andere Lebensmittel sind unerschwinglich geworden, und alles, was man mit Erdbeeren machen kann, hängt jedem zum Hals raus. Konserven und Einmachgläser aus der Zeit vor der Katastrophe sind daher eine Kostbarkeit. Auch ich hatte davon noch einige im Keller, die ich nach und nach verbraucht habe - bis auf ein unbeschriftetes Glas mit roter Marmelade. Ich habe es lange aufgrund eines Verdachts nicht angefaßt, der sich heute bestätigt hat: es ist Erdbeermarmelade.


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